Warum der Holzweg der richtige ist

09. 06.2019

erschienen am 9. Juni 2019 in "Welt am Sonntag"

Warum der Holzweg der richtige ist

Ökologische Baustoffe liegen im Trend. Dabei setzen die Materialentwickler zunehmend auf Buche. Sie ist nachhaltig und inspiriert moderne Architekten.

Wer hätte gedacht, dass es Holz zum Baustoff Nummer eins der Zukunft bringen könnte? Bis vor kurzem wohl kaum jemand. Doch das könnte sich ändern. Vor allem, weil man den nach- wachsenden Rohstoff bislang nicht unbedingt mit Hightech in Verbindung brachte und daher auch selten mit Bauwerken großer Dimensionen und komplexer Konstruktionen. Tatsächlich  aber zeigt sich jedoch zunehmend, dass sich Holz dafür durchaus eignet und einen hohen Hightech-Faktor besitzt.

Klar ist: Holz ist nicht gleich Holz, nicht jede Art eignet sich gleichermaßen für das Bauen. Klassiker sind vor allem Nadelhölzer. Ganz besonders die Fichte wird seit eh und je zum Bauen genutzt. Aufgrund des Klimawandels mit vermehrten extremen Wettersituationen wie Sturm, Starkregen und längeren Trocken- oder sogar Dürrphasen arbeitet die Forstwirtschaft weitblickend schon seit Jahrzehnten am Umbau der deutschen Waldlandschaft: weg von der Übermacht der Nadelbäume, hin zu mehr Laubbäumen. So wie es in der aktuellen Bundeswaldinventur des Bundeslandwirtschaftsministeriums zu lesen ist. Der angestrebte Wandel will die Widerstandsfähigkeit der verschiedenen Baumarten gegen klimabedingte Veränderungen erhöhen und letztlich das Überleben der deutschen Wälder sichern. Und Laubbäume kommen mit steigenden Temperaturen und Dürreperioden ganz einfach besser zurecht als Nadelbäume.

Eine Folge der Umstrukturierung ist, dass der Holzindustrie nach und nach weniger Nadelholz zur Verfügung steht. Da die Politik den Holzbau aus Klimaschutzgründen fördert, erlebt diese Bauweise seit ein paar Jahren einen Boom – nicht nur im Hausbau, sondern auch im Bereich von Industrie- und Gewerbegebäuden. Da steht der steigende Mehrbedarf an Nadelhölzern dem Waldumbau prinzipiell diametral entgegen. Dieser Widerspruch hat vorausschauende Unternehmer ebenso auf den Plan gerufen wie Forscher und Materialentwickler, die nun verstärkt er- proben, ob und wie Laub- künftig Nadelhölzer beim Bauen ersetzen können. Erste Konzepte und Ergebnisse sind vielversprechend. Darunter ist ein Laubholzprodukt aus Buchenholz, das hochtragfähig ist. Genauer gesagt ist es um ein Dreifaches tragfähiger als Nadelholz und spielt damit in der Liga von Beton. Womit sich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen lassen: Zum einen braucht man weniger Holz für die gleichen Bauaufgaben, kann also mit deutlich filigraneren Bauteilen planen und arbeiten. Zum anderen ist Buche ausreichend vorhanden und wird es durch den begonnenen Umbau der Wälder auch in Zukunft sein.

Ganz abgesehen davon speichert Holz beim Wachstum das klimaschädliche Kohlendioxid, erzeugt unser Lebenselixier Sauerstoff und reduziert den CO2- Gehalt in der Atmosphäre. Ein weiterer Vorteil bei der Umwandlung in ein Bauprodukt ist, dass dafür nur einen Bruchteil der Energie benötigt wird, wie es bei konventionellen Baustoffen der Fall ist, was wiederum CO2-Emissionen reduziert. All dies sind Gründe, warum die Politik seit ein paar Jahren viel Geld in den Wald als natürlichen Klimaschützer und Kohlenstoffabsenker investiert und verstärkt auf Holz als Baustoff setzt. 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in der EU gehen auf den Bausektor zurück. Vor diesem Hintergrund gewinnt der moderne Holzbau im Rahmen der Notwenigkeit, ressourcenschonend, energieeffizient und klimafreundlich zu bauen, enorm an Bedeutung.

Und nicht nur wächst Holz als einziger Baustoff nach, Beton hat noch ein ganz anderes Problem: Bausande werden rar. Es gibt nicht mehr genug. Um an die Sande für die weltweit benötigten Mengen Beton zu kommen, wird bereits vielerorts Raubbau an der Natur betrieben. Wer denkt, in den Sandwüsten dieser Welt gibt es reichlich davon, hat zwar prinzipiell recht. Doch leider sind sie ungeeignet, sie sind zu rund und zu kugelig und so untauglich für die Betonherstellung. Benötige werden kantige Sandkörner, die für die Verzahnung von Sandkorn und Zement und damit für die erforderliche Tragfähigkeit sorgen. Und die stammen überwiegend aus Meeren und Flüssen.

Neben den offensichtlich ökologischen Vorteilen von Holz und einem gestiegenen Klimaschutz- und Umweltbewusstsein tragen auch globale Entwicklungen wie die Verknappung von Bausand dazu bei, dass der Holzbau seit einigen Jahren von vielen Bauherren als lohnenswerte Alternative gesehen wird. Auch gesundheitliche Aspekte spielen eine Rolle. Laut internationalen Studien wirkt sich Holz positiv auf die Gesundheit aus. Eine österreichische Studie will über eine Langzeitanalyse an einer Schule etwa belegt haben, dass Holz sogar eine beruhigende Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System hat.

Eine ansprechende Architektur, in der man sich gerne aufhält, ist ein weiteres Kriterium – übrigens auch für Unternehmen, wenn sie einen Neubau planen. Mit Wohlfühlfaktoren Mitarbeiter binden, so lautet die Devise. Ihnen die vielen Stunden am Arbeitsplatz so angenehm wie möglich zu gestalten, ist eines der Ziele. Dich das positive Image eines Holzbaus trägt ebenfalls zur Entscheidung „pro Holz“ bei.  Privatpersonen wie Unternehmen leisten sich einen Holzbau, um ihrer Haltung in Sachen Nachhaltigkeit optisches Gewicht zu verleihen. Das Gebäude dient der Selbstdarstellung und als Aushängeschild, mitunter auch als „corporate identity“. Das lässt man sich auch durchaus etwas kosten.

Jüngstes Beispiel ist der Neubau einer Produktionshalle eines Schraubenherstellers mit Büro- und Ausstellungsgebäude im hohenlohischen Waldenburg. Nicht nur setzt das Unternehmen auf das erwähnte hochtragfähige Holzbauprodukt aus Laubholz, also auf Buchen- beziehungsweise Buchenfurnierschichtholz, das Experten auch als „Baubuche“ bezeichnen, sondern setzt damit auch einen neuen Maßstab: Der Hallenneubau erhält das weltweit größte Dachtragwerk aus Baubuche. Das Entwurf des Teams rund um den Vorarlberger Architekten Hermann Kaufmann kommt mit außergewöhnlich wenigen Stützen aus, so dass der Betrachter angesichts der beachtlichen Dimensionen von 97 Metern auf 114 Metern über die vergleichsweise filigrane Dachkonstruktion staunt. Fragt man die Tragwerksplaner nach den schlanken Balken und Streben, lautet die Antwort, dass das außer mit Stahl nur mit Baubuche zu realisieren war, beziehungsweise eigentlich sogar nur mit Baubuche. Stahl wäre nämlich viel schwerer gewesen, was die Fundamente verteuert hätte. Auch der Einsatz von Spannbeton – wie im Brückenbau – war ganz am Anfang kurz im Gespräch, doch wurde die Idee schnell wieder verworfen: Viel zu groß, viel zu schwer und kaum herstell- und transportierbar.

Dieser Hallenneubau aus Buchenfurnierschichtholz zeigt beispielhaft, wie sich gesellschaftliche Entwicklungen, Zeitgeist und Politik in einem Bauwerk niederschlagen. Damit Bauen mit Holz als Hightech-Bauweise zukünftig so selbstverständlich werden kann wie es bisher der Beton- und Stahlbau ist, braucht es also Weitsicht. Dass der Holzbau aus all den genannten Gründen gesellschaftsfähig wird, zeigt sich inzwischen weltweit. Internationale Großprojekte wie Stadien, Freizeitbauten, Konferenz- und Flughafenhallen sowie Einkaufsmalls geben beeindruckende Beispiele ab. Dieser Trend setzt sich fort.

Die Vorstellung, dass Holz zum Baustoff Nummer Eins wird, ist allerdings gar nicht uneingeschränkt erstrebenswert. Abgesehen davon, dass jeder Baustoff seine Stärken und Schwächen hat und entsprechend materialgerecht eingesetzt werden sollte, könnte ein übergroßer Holzbedarf den ohnehin zu beklagenden Raubbau an der Natur, die Plünderung und Abholzung der Wälder wie etwa in den Regenwäldern Amazoniens, beschleunigen. In Deutschland allerdings, wo das Prinzip der „nachhaltigen Forstwirtschaft“ gilt – es wird nur so viel „geerntet“ wie nachwächst -, können Laubhölzer wie die Buche durchaus starke nachhaltige architektonische Akzente setzen.

Die „Charta für Holz 2.0“ will den Umbau der Wälder und die Nutzung von Holz als Baumaterial fördern

Die jüngste Entwicklung im Holzbau ist teilweise gesellschaftspolitisch motiviert, vor allem aufgrund des Ziels der Bundesregierung, bis 2030 die Treibhausgasemissionen um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Bis 2050 sollen es 80 bis 95 Prozent sein. Als „Meilenstein im Klimaschutzplan der Bundesregierung“ bezeichnet das Wirtschaftsministerium die im April 2017 präsentierte „Charta für Holz 2.0“, die in einem von sechs Handlungsfeldern das „Bauen mit Holz in Stadt und Land“ zum Thema macht. Schließlich ist der Bausektor in erheblichem Maße für Treibhausgasemissionen und Ressourcenverknappung verantwortlich.

Zu den definierten Handlungsfeldern gehört auch die in der Öffentlichkeit wenig beachtete wirtschaftliche Bedeutung. Mit mehr als 1,1 Millionen Beschäftigten und über 180 Milliarden Euro Umsatz gilt der Cluster Forst & Holz als ein volkswirtschaftliches Schwergewicht, zu dem rund 125.000 Unternehmen beitragen. Dominiert wird die Branche von Klein- und Kleinstunternehmen. Unterdessen läuft der Umbau der deutschen Wälder, deren heutige nadelbaumlastige Ausprägung Folge extremer Holznutzung vergangener Jahrhunderte ist. So wurden etwa nach Ende des Zweiten Weltkrieges enorme Flächen geschlagen und mit schnell wachsenden Arten wie der Fichte aufgeforstet. Diese ist noch heute wichtigste Grundlage für die Wertschöpfung in der Forst. Und Holzwirtschaft. Fichten haben einen Anteil von 25 Prozent an der rund 11,4 Millionen Hektar umfassenden hiesigen Waldfläche, gefolgt von der Waldkiefer (23 Prozent). Doch sind beide Arten anfällig und dem Klimawandel mit höheren Durchschnittstemperaturen und längeren Dürreperioden nicht gewachsen. Das haben die vergangenen Hitzesommer deutlich aufgezeigt.

S. Jacob-Freitag

Kategorie: Presse
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