Bauen mit Baubuche im größten Ausmaß

29. 03.2019

erschienen am 29. März 2019 im "Holz-Zentralblatt"

Großflächiger Produktionshallen-Neubau der SWG lockte Interessiere zu Schlosser Holzbau nach Jagstzell

Die Pro Holz BW GmbH lud am 6. März im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe "Cluster innovativ" unter dem Titel "Bauen mit Baubuche" in die Hallen von Schlosser Holzbau nach Jagstzell ein. Dabei ging es nicht so sehr ums Bauen mit "Baubuche" allgemein, sondern ganz speziell um die neue Produktionshalle der SWG Produktion Schraubenwerk Gaisbach GmbH in Waldenburg, die derzeit errichtet und ein Dach-Tragwerk aus "Baubuche" erhalten wird. Schlosser Holzbau fertigt die Tragwerksteile der modernen, von Architekt Hermann Kaufmann entworfenen Halle.

Mehr als 80 Teilnehmer aus den Berei- chen Architektur, kommunale Verwaltung, Holz- und Ingenieurbau kamen zur der Nachmittagsveranstaltung nach Jagstzell. Hier boten sich ihnen ebenso umfangreiche Einblicke in die Fertigung und Montage der "Baubuche"-Fachwerkträger für die neue Produktionshalle des Schraubenherstellers SWG, wie auch in die Entwurfs- und Tragwerksplanung des Projekts. Nach einer Anreise zu Schlosser Holzbau ins entle- gene Jagstzell gab es zum Auftakt einen Stehimbiss in einer der Fertigungshallen. Dort konnte man schon mal vor der offiziellen Werksführung einen Blick auf die vielen Bauteile werfen, die dort gefräst und montiert werden.

Minister und Forstwirt - Ehrengast Peter Hauk

Direkt im Anschluss gab es eine Ansprache des Ehrengastes, Baden-Württembergs Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Peter Hauk, der sich in seiner Funktion intensiv für den Holzbau einsetzt. Hauk hielt ein Plädoyer für den nachwachsenden Rohstoff und dessen positiven Effekt zum Klimaschutz   durch die CO2-Speicherung. "Deshalb gehen wir das Thema Holz auch politisch an", so der Minister.

Die Auftragslage sei besser als die wirtschaftliche Stimmung, stellte er fest. Viele Anreize fürs Bauen seien inzwischen jedoch weitgehend abgeschafft worden. Hier gelte es, sie nach und  nach wieder zu schaffen. Hierfür sowie fürs Bauen mit Holz stehe sein politisches Konzept, betonte er  und ergänzte: "Durch die im Rahmen der Holzbau-Offensive bereitgestellten Forschungsgelder wird die Verwendung von Laub holz im konstruktiven Holzbau vorangetrieben. Seine Nutzung stärkt im ländlichen Raum die Wertschöpfung. Zukunftsfähige und innovative Handwerksbetriebe werden von diesen Entwicklungen ebenso profitieren wie unser Klima." Als Forstwirt und Kenner der Materie stellte er außerdem fest:
"Baubuche" sei im Vergleich zur Fichte härter, fester und schlanker. Deshalb könne man nicht nur höher, sondern auch günstiger bauen.

Geschäftsführer Josef Schlosser ergänzte diese Ausführungen bei seiner Begrüßungsrede und bemerkte, dass bei einem Hartholz wie "Baubuche" die Passgenauigkeit sehr wichtig sei: "Daher müssen wir exakter arbeiten als mit anderen Holzwerkstoffen. Allerdings können wir dafür bis zu 50 % an Material einsparen", so sein Fazit. Er informierte seine Gäste außerdem, dass Baden-Württemberg Deutschlands Holzbauland Nummer eins ist, rund 35 % der Wohnbauten bereits aus Holz errichtet werden und immer mehr Gewerbe- und Industriebauten in Holz entstehen, wie derzeit auch die neue Produktionshalle der SWG, deren Bauteile gerade in seinem Werk abgebunden werden. "Das ist der erwähnten Holzbau-Offensive der Landesregierung zu verdanken, die den Stein ins Rollen gebracht hat und unsere gesamte Baukultur klimafreundlich revolutionieren kann", so Schlosser, der auch Präsident des Verbands des Zimmerer- und Holzbaugewerbes Baden-Württembergs ist.

Zu guter Letzt richtete SWG-Geschäftsführer Alois Wimmer einige launige Worte an das Fachpublikum. Auf die Frage etwa, warum sich das Unter- nehmen SWG für einen Holzbau entschieden hat, antwortete er: "Holz ist einfach geil und kann vieles. Wir müssen auch an die Zukunft denken und Holz ist nun mal nachhaltig." Außerdem gebe es Studien, die belegten, dass sich Menschen in Holzräumen wohler fühlten als in konventionell gebauten. Der Herzschlag gehe herunter und man werde ruhiger. Zwar könne man eine Betonhalle günstiger bauen als eine in Holz: "Wir wollen aber Werbung machen, dass Holz nachhaltiger ist. Denn Holz kann viele Dinge, die andere Baustoffe nicht können. Wir wollen nicht billig bauen, wir wollen günstig bauen. Und wir wollen demonstrieren, was Holz als tragender Werkstoff leisten kann. Die neue Produktionshalle der SWG ist die größte Industriehalle in Holzbauweise, die es aktuell gibt. "Damit sei die Halle für die SWG letztlich auch "ein guter Werbeträger", so Wimmer.

Grenzen maschineller Bauteil-Bearbeitung

Bei der Werksführung konnten sich die Besucher dann ein Bild von der Bauteil-Fertigung bzw. der Montage der "Baubuche"-Fachwerkträger für die neue Halle der SWG machen. Die Fertigung erfordert eine sehr gute Vorbereitung, erklärte Schlosser. Seit Februar stellt das Holzbauunternehmen die einzelnen Elemente so weit her wie es nur geht, um sie dann nach Waldenburg zu verladen. Von Mai bis August findet dann vor Ort die Endmontage des Holzbaus statt. Dieser misst knapp 96,50 m Länge und 114 m Breite bei einer Höhe von etwa 12 m. "Insgesamt verbaut unser Unternehmen bei dem Projekt 1700 m³ Holz – so viel wie nie zuvor – davon 420 m³ 'Baubuche', die hauptsächlich für die 82 m langen Fachwerk-Träger verwendet wird", sagte Schlosser. Vormontierte Abschnitte der 3,80 m hohen Träger waren bereits in der Halle zu sehen.

Da "Baubuche" doppelt so schwer ist wie Fichtenholz, können die Querschnitte ab einer bestimmten Bauteil-Größe nicht mehr gedreht und damit nicht mehr maschinell bearbeitet werden. Hier ist dann Hand-Abbund angesagt, wie es hieß. Dabei ist "Abbund" der falsche Begriff: Es handelt sich vielmehr um Abfräsen, weshalb die "Baubuche"-Bauteile dann üblicherweise rundum 5 mm Übergröße haben. Auch Vorbohren ist Pflicht, selbst bei der Verwendung selbstbohrender Schrauben. Schablonen und spezielle Bohrschrauber ermöglichen die exakte Platzierung und Passgenauigkeit, wie man bei der Vormontage in der Halle eindrücklich sehen konnte.

Einblick in Planung und technische Details

Im Anschluss präsentierten Architekt, Tragwerksplaner und Projektleiter die unterschiedlichen Aspekte des Hallenbaus. Entworfen hat die Halle mit einem daran anschließenden, dreigeschossigem Büro- und Ausstellungsgebäude – dem Besucherpavillon – Architekt Hermann Kaufmann aus Schwarzach (Österreich). Er stellte das Konzept des Gebäudeensembles vor und gab Einblicke in dessen Formfindung. Die fünfschiffig angelegte Halle überspannt ein kammartig geformtes Dach. Dabei sind die Hallenschiffe jeweils knapp 20 m breit. Ihre Dachflächen verspringen an den Längsseiten in regelmäßigen Abständen nach unten, wo sie ein paar Meter auf dieser Höhe weitergeführt werden, um dann wieder in die ursprüngliche Höhe überzugehen. "Diese regelmäßigen Versprünge gliedern einerseits die großflächige Halle, andererseits haben sie die Funktion, viel Tageslicht ins Halleninnere zu bringen", so Kaufmann.

Das Dachtragwerk bilden die erwähnten 82 m langen und 3,80 m hohen Haupt-Fachwerke aus "Baubuche" in Längsrichtung der Hallenschiffe. Lediglich auf einer Buche-Stütze gelagert überspannen sie als Zweifeldträger ein 40 m und ein 42 m großes Feld. Die Neben-Fachwerkträger spannen quer dazu über knapp 19 m und stützen sich auf diesen Haupt-Fachwerken ab. Die hochtragfähige "Baubuche" ermögliche es trotz dieser Überbrückungsweiten, sehr schlanke Querschnitte zu nutzen; resümierte der bekannte Holzbau-Architekt Vorarlberger Schule die elegante Lösung für das Hallentragwerk.

Wie die Tragfähigkeit der Träger maximal ausgenutzt und diese so materialeffizient wie möglich realisiert werden konnten, erläuterte danach Tragwerksplaner Henning Ernst vom SWG-eigenen Ingenieurbüro SWG Engineering. Dabei ging er detailliert auf die Knotenpunkte der Fachwerkträger ein, die überwiegend als zimmermannsmäßige Verbindungen konzipiert sind, im Hinblick auf die Verwendung von "Baubuche" aber entsprechend ans Material angepasst und optimiert wurden. Trä- ger, Stützen und Knotenpunkte müssen aufgrund der großen Spannweiten teilweise sehr große  Lasten von bis zu 3 MN aufnehmen. Das stellte die Planer vor bisher nicht gekannte Herausforderungen. Wie sie diese lösten, war ebenfalls Thema von Ernsts Ausführungen.

Den Schlussvortrag hielt Florian Eitel, Projektleiter bei Schlosser Holzbau. Er ging auf die vielen logistischen Aspekte ein, die ein Holzbauunternehmen bei einem Projekt dieser Größenordnung zu koordinieren hat. So ist "Baubuche" sehr witterungsanfällig und muss entsprechend vor Feuchtigkeit geschützt werden. Aber auch die Handhabung der Bauteile bei der Produktion, erklärte der Projektleiter, sowie den Ablauf bei Anlieferung und Montage. Letztere soll im Mai starten. Vier bis sechs Wochen Montagezeit sind dafür vorgesehen. Die Fertigstellung des Holzbaus ist für Ende August avisiert. Die Schraubenproduktion soll dann Anfang 2020 starten – unter dem dann deutschlandweit größten Dachtragwerk aus "Baubuche".

Susanne Jacob-Freitag, Karlsruhe
 

Kategorie: Presse
Artikel teilen: